Stellungnahmen

Inhalt:

"Antibiotika in der Tierzucht" vom 08.11.2012

"Wiederholte Dengue-Fiebererkrankungen" vom 08.10.2012



    08.11.2012

    Antibiotika in der Tierzucht

    Das Problem der Zunahme der Antibiotika-Resistenzen in der Humanmedizin ist inzwischen nicht mehr zu übersehen. Trotz erheblicher Präventionsanstrengungen in vielen Gesundheitseinrichtungen persistieren die Raten von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) seit Jahren auf einem hohen Niveau. Gram-negative Bakterien mit so genannten Breitspektrum-Betalaktamasen (ESBL) nehmen von Jahr zu Jahr in ihrer Häufigkeit zu. Beispielsweise ist nach den Daten des Surveillance-Systems SARI für Intensivstationen die Inzidenzdichte der ESBL-positiven (+) Escherichia coli von 0,42 Erreger pro 1000 Patiententage im Jahr 2005 auf 2,6 im Jahr 2011 angestiegen, bei ESBL+ Klebsiella pneumoniae kam es im selben Zeitraum zu einem Anstieg von 0,26 auf 1,2 Erreger pro 1000 Patiententage. Auch andere Erhebungen belegen den Anstieg von ESBL+ Erregern bei Patienten in Deutschland. Inzwischen erleben wir sogar Infektionsausbrüche mit Carbapenemase bildenden Klebsiellen, die für die behandelnden Ärzte ein großes Problem sind, da alle üblicherweise verwendeten Antibiotika im Antibiogramm als „resistent“ eingestuft wurden.

    Nach derzeitigen Erkenntnissen sind bei vielen Patienten, die ESBL+ Bakterien tragen, diese multiresistenten Erreger nicht im Krankenhaus erworben. Die Patienten sind oft bereits bei der Krankenhausaufnahme mit diesen Erregern kolonisiert. Neben der Übertragung der Erreger im Haushalt gibt es dafür vor allem zwei Ursachen: Import der multiresistenten Bakterien nach Auslandreisen oder Aufnahme über kontaminierte Nahrungsmittel.

    Wir wissen, dass in Deutschland in der Tiermedizin/Massentierhaltung größere Mengen von Antibiotika eingesetzt werden als für die Therapie von erkrankten Menschen, nach dem GERMAP-Bericht für das Jahr 2008 waren es ca. 780 t in der Veterinärmedizin und ca. 300 t in der Humanmedizin [1]. Grave et al. haben die Antibiotika-Verkaufsmengen für die Veterinärmedizin von europäischen Ländern für das Jahr 2005 verglichen und in Beziehung zur Nutztierbiomasse pro Land gesetzt. Mit den o. g. 780 t nimmt Deutschland (D) eine mittlere Position ein: F und NL > 180 g Antibiotika/t Biomasse; D, UK und CH ca. 90 g/t; S, N und FIN < 25 g/t [2]. Nach neuesten Mitteilungen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sind 2011 überraschenderweise „… 1734 Tonnen Antibiotika von pharmazeutischen Unternehmern und Großhändlern an Tierärzte in Deutschland abgegeben worden. Den Schwerpunkt bildeten Tetrazykline mit 576 Tonnen und Aminopenicilline mit 505 Tonnen“ [3]. Diese neuen Antibiotika-Verkaufsdaten sprechen dafür, dass Deutschland in Europa wahrscheinlich der Spitzenreiter im Antibiotikaverbrauch in der Tiermedizin ist (schätzungsweise 200 g/t). Untermauert wird diese Bewertung durch die Feststellung, dass der bisheriger Spitzenreiter Frankreich im Zeitraum 2005 bis 2009 die Antibiotikaverkaufsmenge in der Veterinärmedizin von 1322 t (2005) auf 1064 t (2009) senken konnte [4]. In den Niederlanden ist die Beziehung zwischen Antibiotika-Anwendung in der Tierproduktion und Auftreten von multiresistenten Erregern beim Menschen besonders gut untersucht worden. Die niederländischen Kollegen konnten zeigen, dass beispielsweise dieselben ESBL-Stämme, die in den Kloaken des Geflügels nachgewiesen wurden, auch beim Menschen dominierten und dort auch in nennenswertem Maße Infektionen hervorgerufen haben [5]. Gemeinsame Untersuchungen zur Kontamination von Geflügelfleisch in Berlin und Greifswald haben gezeigt, dass 44 % der Proben mit ESBL kontaminiert waren, auch hier trat sehr häufig ein Stamm auf, der Infektionen beim Menschen verursacht [6].

    Diese Daten zeigen, dass das Problem der zunehmenden Antibiotika-Resistenzentwicklung kaum von den Humanmedizinern allein zu beherrschen ist. Die WHO hat kürzlich ein Aktionspapier vorgelegt [7]. Im Gesamtkontext der 5 wichtigsten Interventionsmaßnahmen zur Beherrschung des Antibiotika-Resistenzproblems hat die Reduktion der Antibiotika-Anwendung in der Tierzucht einen sehr hohen Stellenwert.

    Im Einzelnen empfiehlt die WHO:
    • Evaluation der Antibiotika vor Zulassung in der Veterinärmedizin im Hinblick auf potentielle Resistenzentwicklung bei Antibiotika, die in der Humanmedizin verwendet werden
    • Monitoring der Resistenzentwicklung, um schnell Gegenmaßnahmen einleiten zu können
    • Entwicklung von Leitlinien für Veterinärmediziner zur Reduktion der Antibiotika-Anwendung
    • Einführung einer Verschreibungspflicht für alle Antibiotika, die bei Tieren eingesetzt werden
    • Beendigung der Anwendung von Antibiotika als Wachstumspromotoren, wenn diese Substanzen auch beim Menschen eingesetzt werden
    • Einrichtung von nationalen Systemen zum Monitoring der Antibiotika-Anwendung in der Tierzucht
    Einige der genannten Maßnahmen sind auch in Deutschland bisher nicht vollständig umgesetzt worden, so dass großer Handlungsbedarf besteht. Insbesondere ist Abwarten und ein bloßes, von der Bundesregierung empfohlenes Antibiotikaverbrauchsmonitoring sehr wahrscheinlich wenig wirksam.

    Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften in der Infektionsmedizin wissen, dass nur in der Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin eine Verbesserung der Antibiotikaresistenz-Situation erreicht werden kann. Sie stehen deshalb jederzeit für gemeinsame Präventionsmaßnahmen zur Verfügung, um möglichst schnell eine Reduktion der Resistenzraten zu erreichen. Dazu gehört auch die bessere Information der Öffentlichkeit über dieses wichtige Problem.

    Quellen:
    1. GERMAP 2008: www.p-e-g.org/econtext/germap
    2. Grave K, Torren-Edo J, Mackay D. Comparison of the sales of veterinary antibacterial agents between 10 European countries. J Antimicrob Chemother 2010;65:2037-40.
    3. Pressemitteilung des BVL von 11.09.2012: http://www.bvl.bund.de/DE/08_PresseInfothek/01_FuerJournalisten/01_Presse_und_Hintergrundinformationen/01_PI_und_HGI/TAM/2012/2012_09_11_pi_abgabemengenregister.html?nn=2002370
    4. Grave K, Greko C, Kvaale MK, Torren-Edo J, Mackay D, Muller A, Moulin G. Sales of veterinary antibacterial agents in nine European countries during 2005 - 09: trends and patterns. J Anitimicrob Chemother 2012; doi:10.1093/jac/dks298
    5. Overdevest I, Willemsen I, Rijnsburger M, Eustace A, Xu l, Hawkey P, et al. Extended-spectrum beta-Lactamase genes of Escherichia coli un chicken meat and humans, the Netherlands. Emerg Infect Dis 2011;17:1216-22.
    6. Kola A, Kohler C, Pfeifer Y, Schwab F, Kühn K, Schulz K, et al. High prevalence of extended-spectrum β-lactamase 1 (ESBL) – producing Enterobacteriaceae in organic and conventional retail chicken meat, Germany. J Antimicrob Chemother 2012;in press.
    7. Anonymus. The evolving threat of antimicrobial resistance, option for action. www.who.int 2012.
    (Stellungnahme an Frau Bundesministerin Aigner)

    Die Koordinatoren in dieser Fragestellung stehen gerne für fachliche Erläuterungen zur Verfügung:
    • Prof. Dr. Petra Gastmeier, Berlin, Tel. 030-8445 3680, Email: petra.gastmeier (at) charite.de
    • Prof. Dr. Winfried V. Kern, Freiburg, Tel. 0761-270 18190, Email: vorstand (at) dgi-net.de
    Prof. Dr. Dr. Jürgen Heesemann
    LMU München
    Sprecher AFIM
    Prof. Dr. Winfried V. Kern
    Universitätsklinikum Freiburg
    Stellvertretender Sprecher AFIM

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      08.10.2012

      Wiederholte Dengue-Fiebererkrankungen (Pressemitteilung)

      Da beim Dengue-Fieber eine anhaltende Immunität nur gegen jeweils einen der insgesamt 4 Virustypen entsteht, sind bei erneuter Exposition weitere Infektionen möglich. Aufgrund epidemiologischer Daten in den Verbreitungsgebieten in Asien und Lateinamerika wird angenommen, dass schwere Verläufe wie hämorrhagisches Dengue-Fieber oder Dengue-Schock-Syndrom gehäuft bei Zweitinfektionen bzw. erneuten Infektionen mit einem anderen Virustyp auftreten können (ADE, antibody dependent enhancement Hypothese). Die Ergebnisse prospektiver Studien hierzu sind jedoch widersprüchlich. Nach den vorliegenden Daten gibt es derzeit keine eindeutige Evidenz dafür, dass deutsche Reisende oder Auslandsbeschäftigte bei wiederholter Dengue-Fieber-Erkrankung vermehrt gefährdet sind. Schwere Verläufe oder gar Todesfälle sind bei europäischen Reisenden selten und wurden in ähnlicher Häufigkeit bei Erst- und Zweitinfektionen beobachtet. Es ist daher nicht gerechtfertigt, Reisenden, die ein Dengue-Fieber durchgemacht haben, von weiteren Aufenthalten in Verbreitungsgebieten abzuraten. Da schwere Verläufe nach Erst- und Zweitinfektionen beobachtet werden, empfiehlt die DTG ausdrücklich einen konsequenten Mückenschutz gegen tag- und nachtaktive Mücken bei Aufenthalten in den Verbreitungsgebieten. Zudem sollten bei fieberhaften Erkrankungen während oder nach Aufenthalten in den Verbreitungsgebieten Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS (Acetylsalicylsäure, z.B. Aspirin) zur Fiebersenkung vermieden werden, da diese das Blutungsrisiko beim Vorliegen eines Dengue-Fiebers erhöhen können.

      Für weitergehende fachliche Erläuterungen stehen von der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin & Internationale Gesundheit (DTG e.V.) zur Verfügung:
      Prof. Dr. Thomas Löscher
      1. Vorsitzender der DTG
      c/o Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin,
      Klinikum der LMU
      Leopoldstrasse 5, 80802 München
      Tel.: 089-21803517, Fax: 089-336112
      loescher (at) lrz.uni-muenchen.de
      Prof. Dr. August Stich
      2. Vorsitzender der DTG
      c/o Missionsärztliche Klinik, Tropenmedizin
      Salvatorstr. 7, 97074 Würzburg
      Tel. 0931 / 791 - 2821
      stich (at) missioklinik.de
      Prof. Dr. Dr. Jürgen Heesemann
      LMU München
      Sprecher AFIM
      Prof. Dr. Winfried V. Kern
      Universitätsklinikum Freiburg
      Stellvertretender Sprecher AFIM
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